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Glück - mehr als nur ein Wort?


Alle Menschen, so verschieden sie auch sein mögen, haben eines gemeinsam: sie möchten glücklich sein.

Tenzin Gyatso, der 14. Dalai Lama


Irgendwie klingt das einleuchtend. Allerdings: Wenn wir das alle wollen, warum schaut dann die Welt so aus, wie sie ausschaut? Warum gibt es Kriege, Gewalt, Unterdrückung und so viel Leid, das ziemlich offensichtlich menschengemacht ist. Wir werden alle sterben, es gibt Krankheit und es gibt auch Naturkatastrophen, für die wir nichts können. Aber warum gelingt es uns nicht wenigstens in den Bereichen, die wir beeinflussen können, uns als Menschen auf diesem Planeten so einzurichten, dass das Bruttoglücksprodukt für alle möglichst hoch ist. Wäre das nicht ein viel lohnenderes Ziel als der fanatische Blick auf ökonomische Kennzahlen? Tja, unmittelbar können wir am Weltenglück wohl nicht viel ändern. Aber wir können klein anfangen. Mit unserem persönlichen Glück. Und das wirkt dann auch positiv auf unsere nähere Umgebung und auf diese Weise dann doch in die ganze Welt hinaus.


Versuchen wir zuallererst, uns darüber Klarheit zu verschaffen, was für uns Glück bedeutet. Denn ganz ehrlich – kannst du das so genau benennen? Es gibt so viele Bedeutungszusammenhänge, in denen das Wort „Glück“ verwendet wird. Vom „Glück der Tüchtigen“, dem „noch ein Glück“ der Tante Jolesch, von „Glücksspielen“ und „Glücksrittern“ und der „ewigen Glückseligkeit“. Und es meint dann so viel Unterschiedliches. Und deswegen möchte ich unsere gemeinsame Reise mit ein paar Gedanken zu diesem Wort beginnen. Eine Bedeutung des Wortes „Glück“ ist, so lesen wir im Duden: etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist. Also beispielsweise das Ankreuzen der Zahlen auf dem Lottoschein, die dann zu einer Überweisung einer größeren Summe aufs Konto führen.


Viele dieser günstigen Umstände, die für das Eintreten eines solchen Glücksfalls notwendig sind, können wir nicht beeinflussen. Das wäre kein sehr verlockendes Unterfangen, den Launen einer Glücksgöttin unterworfen zu sein und sich ihr auf Gedeih und Verderb ausliefern zu müssen.


Und selbst wenn wir die richtigen Lottozahlen fänden – es gibt Untersuchungen (Philip Brickman, 1978, und viele ähnliche, die zu denselben Ergebnissen gelangen), die zeigen, dass Lottogewinner ein Jahr nach ihrem Gewinn sich subjektiv nicht glücklicher einschätzen als eine Kontrollgruppe, die nichts gewonnen hatte. Diese potenzielle Glücksquelle können wir also schon einmal vergessen.


Aber lesen wir noch ein Stückchen weiter im Duden: Glück ist eine angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat.


Klar. Kennen wir doch sicher alle. Das kann eine Kleinigkeit sein, die mich glücklich macht – in meinem Fall ist ein Kaiserschmarren für so eine kleine Glückseligkeit ein Rezept, das sehr gut reproduzierbar zum Erfolg führt. Allerdings kann ich, um ein glückliches Leben zu führen, doch nicht andauernd Kaiserschmarren essen. Zum einen würde sich der Effekt bei zu hoher Frequenz schnell abnützen. Und zum anderen würden die gesundheitlichen Folgen, die sich unzweifelhaft bei einer exzessiven Kaiserschmarren-Diät einstellen, auch nicht lange auf sich warten lassen.


Man kann die äußeren Objekte, an denen man das Glück festzumachen versucht, beginnend bei materiellen Wünschen mit der Zeit immer „subtiler“ werden lassen. Am Anfang versucht man es vielleicht mit Karriere. Oder man macht das Glück vom Erscheinen des Traumpartners im Leben abhängig. Und schließlich kann diese Art der Glücksuche auch bis in die „spirituellen“ Gefilde hinein ausgedehnt werden. Die Richtung bleibt dann aber immer: Ich lebe mein Leben von außen nach innen. Das bedeutet, es gibt immer irgendetwas, was vorhanden sein muss, dass ich glücklich bin. Und da die Welt nun mal so ist, wie sie ist, funktioniert das manchmal, und manchmal funktioniert es nicht. Und wenn ein äußeres Phänomen, auf das ich mein Glück gebaut habe, wegbricht, dann kann das eine tiefe Lebenskrise auslösen, im Extremfall bis hin zu Depression oder Suizid.


Und jetzt bitte anschnallen:


GLÜCK IST EINE FRAGE DER ENTSCHEIDUNG, NICHT DER ÄUSSEREN UMSTÄNDE.

Zumindest für alle Menschen, die unter den Umständen leben, die es ihnen ermöglichen, über diese Frage zu reflektieren – was ja keine Selbstverständlichkeit ist, und Anlass für ein sehr gesundes (und im Übrigen auch ausgesprochen glücksförderndes) Gefühl der Dankbarkeit sein könnte. Für einen Soldaten, der in einem ukrainischen Schützengraben verreckt oder ein Kind, das im Alter von ein paar Monaten an Unterernährung stirbt, würde ich diesen Satz nicht so formulieren. Es sind schon einige Grundbedingungen erforderlich, dass diese Freiheit der Entscheidung gegeben ist.


Wenn das aber der Fall ist, denn wäre eine vollständige Umkehrung der Lebensrichtung möglich: ein Leben von innen nach außen. Eine vollständige Abkehr von der Rolle eines „Opfers“, das sich abhängig von den äußeren Ereignissen versteht.


Manche Menschen, die ich mit dieser These konfrontiert habe, reagieren im ersten Moment eher verständnislos oder fühlen sich sogar provoziert oder in ihrem Leid nicht verstanden oder gesehen. Die Tatsache des Leidens wird durch meine These aber nicht bestritten.


Meine Erfahrung ist: Ich kann vieles, was im Außen geschieht, nicht beeinflussen. Was ich beeinflussen kann, ist meine Reaktion auf die Ereignisse und äußeren Umstände. Was diese Reaktionen betrifft, sind meine Wahlmöglichkeiten meist viel größer, als es mir im ersten Moment vorkommt. Das Wahrnehmen dieser Möglichkeiten ist ein Übungsweg, und das Aufgeben der Opferhaltung zugunsten eines Wegs des Gestaltens und des Übernehmens der Verantwortung für das eigene Glück, ist etwas, was im Allgemeinen nicht von heute auf morgen geschieht.


Dieser Weg ist kein Weg für Feiglinge. Auf diesem Weg begegnet man inneren Dämonen und Drachen. Es gibt Zweifel und manchmal sogar Verzweiflung. Es tauchen Emotionen aller Art auf. Es ist eine Heldenreise, die Mut, Ausdauer und die Vision erfordert, dass das Leben auch ganz anders erlebt werden kann als aus der Leidensperspektive.


UND: Es ist eine Reise voller Schönheit und Freude. Hohe Gipfel und tiefe Abgründe. Für mich mittlerweile alternativlos. In der klassischen Darstellung der Heldenreise (z.B. von Joseph Campbell, über dessen Werk ich an anderer Stelle noch ausführlich berichten werde) gibt es 12 Phasen. Die ersten drei davon sind die Phase des „Rufes“. Die Phase der „Verweigerung des Rufes“. Und die Phase des „Überschreitens der Schwelle“. Ist diese Schwelle überschritten, gibt es kein Zurück mehr.


Diese „Glückswege“ sind sehr individuell. Eine Standardkarte, die vielleicht auch noch mit Wegzeiten versehen ist, gibt es nicht. Aber es gibt viele Modelle und Wegweiser, an denen man sich orientieren kann. Viele davon, die für mich gut funktionieren, möchte ich gerne mit dir teilen – in der Hoffnung, dass sie für dich genauso nützlich sind, wie für mich.


Eines gibt es noch, was ein besonderer Segen auf diesem Weg ist: Und das ist Gemeinschaft. Manche Wegstücke legt man allein zurück. Meine Erfahrung ist, dass es Orte gibt, die kann man nur allein aufsuchen. Aber es gibt auch die Menschen, mit denen man kürzere oder auch ganz lange Wegabschnitte teilen kann. Und das ist eine enorme Kraftquelle und tut so oft so unendlich gut.


Und noch etwas gibt es über diesen Weg zu sagen: Er hat keinen Punkt, an dem man sagen könnte: So, jetzt bin ich am Ziel. Vielleicht dann, wenn man den letzten Atemzug tut – darüber kann ich naturgemäß keinen Bericht geben. Aber das ist nicht schlimm, denn das Glück ist nichts, was am Ende des Wegs wartet. Das Glück ist der Weg.


Diese Worte können die Sache selbst nur so unzulänglich beschreiben. Aber vielleicht haben sie in dir eine Sehnsucht geweckt und dir einen Geschmack davon gegeben, worum es gehen könnte.


Und wenn das so ist, dann freue ich mich schon auf eine Zeit des gemeinsamen Gehens.


DER TIPP DER WOCHE

Dieser Tipp ist weder neu noch besonders originell. Aber wirksam - und das ist doch das, worauf es ankommt. Für mich geht es dabei um eines meiner wichtigsten Werkzeuge, ohne die ich mir meinen Weg kaum vorstellen könnte. Falls du noch keines hast: Leg dir ein Reisetagebuch zu. Und schreib idealerweise täglich hinein. Das müssen keine Romane sein. Wichtig ist die Frequenz, mit der du dieses Buch zur Hand nimmst. Erkenntnisse sind oft so flüchtig und das Alte, das, was wir gewohnt sind, zu denken, zu fühlen und zu tun, hat ein großes Beharrungsvermögen. Das Verschriftlichen des Erlebens und das gelegentliche Herumschmökern in den Aufzeichnungen hat eine immense Wirkung. Und oft reift die Erkenntnis auch erst beim Schreiben. Ich glaube nicht, dass es mir ohne dieses Hilfsmittel gelungen wäre, auf meinem Weg so unterwegs zu sein, wie ich es bin. Und wenn das tägliche Schreiben erst einmal zu einer guten Gewohnheit geworden ist, wirst du es nicht mehr missen wollen.




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